Die Gewinner des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises 2025 sind bekannt

Journalismus, der verbindet, so lautete das diesjährige Motto der feierlichen Verleihung des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises. Der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds würdigte damit am Freitag im Prager Theater Studio Hrdinů vor rund 200 Gästen insgesamt neun herausragende Journalistinnen und Journalisten aus Deutschland und Tschechien. Die einführende Keynote hielt die renommierte Journalistin Lída Rakušanová

Die Preisverleihung wurde live auf der Website des Tschechischen Fernsehens und des MDR / Mitteldeutscher Rundfunk übertragen. 

Als Prolog zur feierlichen Preisverleihung fand die Eröffnung der Ausstellung Journalismus, der verbindet – 10 Jahre Deutsch-tschechischer Journalistenpreis im Foyer des Theaters statt.

„Unser Motto ‚Journalismus, der verbindet‘ bedeutet: Gute Berichterstattung schafft ein tieferes Kennenlernen – und das ist die Grundlage für echte Verständigung. Und die über 100 eingereichten Beiträge haben eine ganze Palette von Themen aufgezeigt, die Deutsche und Tschechen aneinander interessieren. Neben der gemeinsamen Geschichte beschäftigten sie sich mit vielen brennenden bilateralen Themen – wie etwa dem Pflegenotstand in Deutschland oder dem Geschäft mit illegalem Müll in Tschechien. Und auch mit den Auswirkungen globaler Phänomene auf unsere Gesellschaften, wie zum Beispiel mit den Folgen der Migration. Was uns aber vor allem freut, ist die immer häufigere Zusammenarbeit und grenzüberschreitende investigative Recherche von Journalistinnen und Journalisten aus beiden Ländern“, bilanzieren Petra Ernstberger und Tomáš Jelínek, die Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. 

Der Deutsch-tschechische Journalistenpreis wird vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gemeinsam mit den Journalistenverbänden beider Länder, dem Deutschen Journalistenverband (DJV) und dem Journalistensyndikat der Tschechischen Republik (Syndikát novinářů ČR) verliehen.

Die Preisträgerinnen und Preisträger

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Sonderpreis „Milena Jesenská“

Mehr über die Gewinnerbeiträge

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In seiner Reportage Nedostatečně německý Němec. Podivuhodný případ kouzelníka Mesuta Özila („Nicht deutsch genug. Der wundersame Fall des Zauberers Mesut Özil“) zeichnet Tomáš Lindner am Beispiel des Fußballers Mesut Özil die deutsche Integrationsdebatte nach. „Lindners Reportage über Aufstieg und Fall einer deutschen Ikone bohrt in die Tiefe. Ihr geht es nicht ums Urteilen, sondern ums Verstehen. So ist ein gründlicher, einfühlsamer Text entstanden, der die Jury absolut überzeugt hat – eine Reportage, die nicht nur Tschechen ein Stück Deutschland erklärt, sondern auch Deutschen, würden sie ihn lesen, etwas über ihr Land. Mehr kann man, denke ich, im Auslandsjournalismus nicht erreichen“, lobt der Journalist Daniel Brössler von der Süddeutschen Zeitung in seiner Laudatio.

In ihrer Reportage Missstände in der „24-Stunden-Pflege“: Wer hilft ihnen? bietet Leonie Gubela Einblicke in den Arbeitsalltag von drei Betreuerinnen aus Tschechien, die wie hunderttausende weitere Frauen aus Mittel- und Osteuropa das deutsche Pflegesystem am Laufen halten. Hinter ihrem Einsatz steht ein wachsender Markt aus Vermittlungsagenturen, in dem arbeitsrechtliche Grauzonen Alltag sind. „Leonie Gubela schreibt zwar über Tschechinnen, die deutsche Senioren pflegen, es ist ihr jedoch gelungen, ein europaweites, wenn nicht gar weltweites Phänomen zu erfassen. Die Autorin hat sich nämlich nicht mit einer inländischen Perspektive zufriedengegeben, die bei diesem Thema naturgemäß immer begrenzt und unvollständig wäre. Ursprünglicher Impuls war vielmehr eine grenzüberschreitende journalistische Zusammenarbeit, von deren Wichtigkeit in einer vernetzten Welt dieser Text eben zeugt“, lobt Jurymitglied Jan Brož aus der Zeitung Hospodářské noviny. 

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Immer wieder tauchen an verschiedenen Orten in Tschechien tonnenweise illegaler Müll auf, der häufig aus Deutschland stammt. Hinter den Lieferungen steckt ein undurchsichtiges Geflecht aus Zwischenhändlern und Scheinfirmen, die mit der Entsorgung von Abfall Geschäfte machen. In ihrem Podcast Atraktivní skládka Česko. Na stopě odpadovým šíbrům („Attraktive Mülldeponie Tschechien. Abfallschiebern auf der Spur“) gehen Barbora Sochorová und Jan Novák den Spuren dieses schmutzigen Geschäfts nach. „Was den Beitrag auszeichnet, ist nicht nur die journalistische Qualität – sondern die grenzüberschreitende Betrachtung. Ein Paradebeispiel für grenzüberschreitenden Journalismus. Der tschechische Journalist Jan Novak, der Einzelfälle aufdeckt, ihnen unerschrocken nachgeht. Und das Interview von Barbora Sochorová mit dem deutschen Journalisten  Michael Billig, das die Recherche international einbettet“, betont Jurymitglied Bogna Koreng vom MDR.

In seiner lebendigen Audioreportage „Prost, ihr Säcke!“ – Der Sauftourismus und die letzten Einwohner der Prager Altstadt begibt sich Ferdinand Hauser auf die Spuren des Partytourismus, der das Leben in der Prager Altstadt zunehmend verändert und für die Bewohner unerträglich macht, wie der Autor im Selbstversuch herausgefunden hat. „In seiner Reportage bekommen alle Seiten dieses Schattenphänomens Raum. Dieses ist Teil eines allgemeineren, als Overtourism bezeichneten Problems, mit dem viele europäische Metropolen zu kämpfen haben. Trotz der Ernsthaftigkeit und der negativen gesellschaftlichen Auswirkungen dieses Problems ist Hausers Beitrag stellenweise humorvoll und betrachtet die Dinge auch mit Abstand.“, unterstreicht Jurymitglied Filip Nerad vom Thinktank Globsec.

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Tschechien ist weltweit der größte Speisemohn-Produzent. Doch viele Landwirte stehen aufgrund des Klimawandels vor existenziellen Herausforderungen. Für ihre Reportage ARTE Re: Zwei Mohnbauern gegen einen Käfer haben Babette Hnup und Kristina Klasen zwei Landwirte begleitet, die auf unterschiedliche Weise versuchen, ihre Ernten zu sichern. „Der Film besticht durch seine ruhige Erzählweise, die die Protagonisten sprechen lässt und sich mit Kommentaren zurückhält. Er ist klug aufgebaut, wie er nach und nach die verschiedenen Aspekte einführt. Eine ausgezeichnete Langzeitstudie, die gerade einem urban geprägten Publikum einen Einblick in eine ländliche Welt verschafft, die von den städtischen Eliten gern übersehen wird“, betont Jurymitglied Peter Lange, ehem. ARD-Hörfunkkorrespondent in Prag. 

In dem Dokumentarfilm Světlo pro budoucnost / Das Licht für die Zukunft von Lenka Ovčáčková lassen drei 90-jährige Zeitzeuginnen, die aus tschechischen deutschsprachigen Familien stammen und den Zweiten Weltkrieg in Böhmen und Mähren erlebt haben, ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen lebendig werden. Heute engagieren sich alle drei für den grenzüberschreitenden Dialog. „Lenka Ovčáčkovás Film vermittelt somit nicht nur Informationen, die über den Rahmen üblicher Berichterstattung oder üblicher Erinnerungsprojekte hinausgehen, sondern auch bisher ungehörte Zeugnisse von Menschen – Frauen –, die einst ‚nirgendwohin gehörten‘, um heute zu ‚Brückenbauerinnen‘ zwischen unseren Völkern zu werden“, unterstreicht die freie Journalistin Veronika Kupková aus der Jury. 

Sonderpreis Milena Jesenská

In seinem Kommentar Češi mezi našimi Němci a našimi Slováky („Die Tschechen zwischen unseren Deutschen und unseren Slowaken“) setzt sich Luboš Palata mit dem Verhältnis seines Landes zu dessen Nachbarn auseinander, das er seit über 30 Jahren journalistisch begleitet. Ausgangspunkt ist der Sudetendeutsche Tag, doch seine Gedanken führen weit darüber hinaus – zu einer ehrlichen, manchmal unbequemen Reflexion über die tschechischen Beziehungen zu West und Ost. „Luboš Palata schreibt für eine Reihe tschechischer wie auch mitteleuropäischer Zeitungen, seit den 90er Jahren arbeitete er auch mit Radio Free Europe zusammen und ist unter anderem mein Kollege beim Tschechischen Rundfunk. Und ich kann bezeugen, dass er sich bis heute konsequent, ja hartnäckig bemüht, bis zum Kern unserer nationalismusgetränkten mitteleuropäischen Vorhölle vorzudringen“, so die renommierte tschechische Journalistin Lída Rakušanová aus der Jury.

Kontext

Mit dem Deutsch-tschechischen Journalistenpreis reagiert der Deutsch-Tschechische Zukunftsfonds auf den Bedarf nach einer niveauvollen, unabhängigen und objektiven Berichterstattung über das Geschehen im Nachbarland und dessen Hintergründe. Bereits zum neunten Mal würdigt er Journalistinnen und Journalisten, die über die gängige Berichterstattung hinaus Themen, Menschen und Geschichten aufspüren, die der Öffentlichkeit das Nachbarland und seine Bewohner näherbringen. 

Ausgezeichnet werden die besten deutschen und tschechischen Beiträge in den Kategorien Text, Audio und Multimedia. Mit dem Sonderpreis „Milena Jesenská“ werden zudem aktuelle Beiträge gewürdigt, die die Themen Zivilcourage, Verständigung und Toleranz behandeln. 

Die Beiträge aller Kategorien sind mit einem Betrag von 2500 Euro dotiert.

Die Jury des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises besteht aus Journalistinnen und Journalisten, die über langjährige Erfahrungen in den Beziehungen zwischen beiden Ländern verfügen und deren Sprachen sprechen: Petr Brod, Jan Brož, Daniel Brössler, Libuše Černá, Michael Hiller, Dr. Anneke Hudalla, Kilian Kirchgeßner, Bogna Koreng, Veronika Kupková, Dr. Peter Lange, Filip Nerad, Lída Rakušanová, Christoph Scheffer, Hynek Spurný und Anne Webert.

Fotos von der Preisverleihung (erste Fotos ab 21.11.2025, ca. 22:00)
Jury
Preisträger 2025