Deutsch-tschechischer Journalistenpreis 2018 verliehen

Pressemitteilung, 10. November 2018

Der Deutsch-tschechische Zukunftsfonds hat in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Journalistenverband (DJV) und dem Tschechischen Journalistenverband (Syndikát novinářů) am Freitag den Deutsch-tschechischen Journalistenpreis 2018 verliehen.

Auf einer Festveranstaltung an der Palacký-Universität in Olmütz wurden die Preisträger in den Kategorien Text, Audio und Multimedia sowie des Sonderpreises „Milena Jesenská“ bekannt gegeben, von Vertretern der Jury gewürdigt und in Kurzfilmporträts vorgestellt.

„Ziel dieses Preises ist es, zum einen unabhängigen Qualitätsjournalismus zu unterstützen, zum anderen ein vorurteilsfreies Verhältnis zwischen Deutschen und Tschechen. Beides war auch im Jahr 2018 sehr aktuell“, sagte zu Beginn der tschechische Geschäftsführer des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds, Tomáš Jelínek. Er verwies in diesem Zusammenhang auf die Festnahme von Arndt Ginzel, Preisträger des ersten Jahrgangs des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises, durch die Polizei, als er in Dresden eine Reportage von einer Pegida-Demonstration drehte. „Wir haben zwar keinen Grund, beunruhigt zu sein, aber auf jeden Fall guten Grund, mit unserer Arbeit fortzufahren. Es ist daher eine gute Nachricht, dass in diesem Jahr mehr als 90 Beiträge am Wettbewerb teilgenommen haben“, so Jelínek. 

Die deutsche Geschäftsführerin des Fonds, Petra Ernstberger ergänzte: „Wir freuen uns besonders, dass an der Preisverleihung auch mehrere Zeitzeugen teilnehmen,  die als Protagonisten in den prämierten Beiträgen auftreten oder einen persönlichen Bezug zu ihnen haben“.

Der Rektor der Palacký-Universität, Jaroslav Miller, unterstrich in seiner Keynote die Bedeutung von Journalisten und Medien für den deutsch-tschechischen Dialog: 

„Dialog erfordert das Bemühen, sich von Vorurteilen zu befreien, Ehrlichkeit mit sich selbst und mit den Fakten, so unangenehm sie auch sein mögen, sowie das Verlangen, die Nachbargesellschaft wirklich tief kennen zu lernen. Ich bin daher außerordentlich froh, dass heute hier Journalisten ausgezeichnet werden, die genau diese Eigenschaften verkörpern.“

Erstmals wurde in diesem Jahr eine Sonderauszeichnung für langjährige herausragende journalistische Tätigkeit verliehen. Sie ging an den Prager Korrespondenten Hans-Jörg Schmidt, der bereits seit 30 Jahren für deutsche Zeitungen aus Prag berichtet und regelmäßig als Gastkommentator in tschechischen Medien auftritt. Es sei bemerkenswert, so ARD-Korrespondent Peter Lange in seiner Laudatio, „wie tief Hans-Jörg Schmidt in die tschechische Gesellschaft eintauchen konnte, welches Verständnis er für Land und Leute entwickelt hat, für die tieferliegenden Grundströmungen aus Geschichte und Mentalität“.

Ausgezeichnet wurde jeweils ein tschechischsprachiger und ein deutschsprachiger Beitrag in den Kategorien Text, Audio und Multimedia. Mit dem Sonderpreis „Milena Jesenská“ würdigten die Veranstalter darüber hinaus einen Beitrag, der sich mit aktuellem Gegenwartsbezug der Zivilcourage und der multikulturellen Verständigung und Toleranz zwischen beiden Ländern und ihrem Zusammenleben in Europa widmet.
Der Sonderpreis „Milena Jesenská“ wurde von dem 96jährigen Felix Kolmer überreicht, der selbst mehrere Konzentrationslager überlebt hat und heute Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees ist.

Begleitend zur Preisverleihung präsentiert der Zukunftsfonds in der Olmützer Universitätsbibliothek noch bis Mitte Februar die Ausstellung Milena Jesenská: Retrospektive. Prag-Wien-Dresden-Ravensbrück. Sie beleuchtet die Persönlichkeit Milena Jesenskás und ihre Lebensgeschichte. Bemerkenswert an der Ausstellung sind insbesondere 14 Briefe, die erst kürzlich entdeckt wurden und die Milena Jesenská in den Jahren 1940-1943 in Gefängnissen in Dresden und Prag-Pankrác sowie im Konzentrationslager Ravensbrück verfasst hat.

Die Ausstellung wurde von der KZ-Gedenkgestätte Ravensbrück in Zusammenarbeit mit dem Prager Literaturhaus deutschsprachiger Autoren sowie dem Verein Historický servis (Geschichtsdienst) vorbereitet und vom Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds finanziell und organisatorisch unterstützt.

Die Gewinner des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises 2018:

Kategorie Text:

  • Jan Novotný: Demolice paměti. Reportáž z města, kde si potomci vrahů a obětí dodnes nakukují do oken (Demolierung der Erinnerung. Reportage aus einer Stadt, wo sich die Nachfahren von Mördern und Opfern bis heute in die Fenster gucken), Týdeník Euro, 7.8.2017
  • Jaroslav Rudiš: Damals, im Kartoffelkrieg, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. 2. 2018


Kategorie Audio:

  • Martin Knitl: Sudetské děti (dt.: Sudetenkinder), Český rozhlas Ostrava, 24. 3. 2018 
  • Hannah Rau "1968 in der DDR", WDR3, 4. 6. 2018


Kategorie Multimedia:

  • Marek Hýža/Tomáš Kusýn: Stíny nad Libavou (Schatten über Liebau), TV Noe, 28. 10. 2017
  • Stephanie Probst / Marieluisa Lenglachner / Markus Ehrlich / Leonie Sanke / Sylvia Tolga, Mirjam Wlodawer: Im Dazwischen daheim, afk TV, 16. 1. 2018

Sonderpreis Milena Jesenská:

  • Andrea Mocellin/ Thomas Muggenthaler: Todeszug in die Freiheit, Das Erste (ARD), 29. 1. 2018

Sonderauszeichnung für langjährige, herausragende journalistische Tätigkeit:

  • Hans-Jörg Schmidt

Mehr über die ausgezeichneten Beiträge:

Kategorie Text

In seinem in der FAZ erschienenen Artikel Damals, im Kartoffelkrieg blickt Jaroslav Rudiš anhand eines historischen Ereignisses aus dem 18. Jahrhundert auf seine eigene Familiengeschichte und beschreibt die Rolle der Kartoffel in den deutsch-tschechischen Beziehungen. „Und das mit großer Sachkenntnis“, unterstreicht Adam Černý im Namen der Jury.  „Es ist bemerkenswert und verdient eine Auszeichnung, wenn jemand im besten Sinne des Wortes informieren und zugleich unterhalten kann.“

Der zweite Preisträger in der Kategorie Text, Jan Novotný, beschreibt in seiner Reportage Demolierung der Erinnerung. Reportage aus einer Stadt, wo sich die Nachfahren von Mördern und Opfern bis heute in die Fenster gucken das offenkundige Desinteresse des Ortes Postoloprty (Postelberg), sich mit seiner Vergangenheit und insbesondere mit dem Massenmord an Sudetendeutschen auseinander zu setzen, der hier nach dem Zweiten Weltkrieg stattfand. „Die Reportage von Jan Novotny ist etwas ganz Besonderes“, betont Anneke Hudalla in ihrer Würdigung, „weil der Autor  nicht nur schildert, dass Geschichte totgeschwiegen wird. Er ergreift auch engagiert Partei für diejenigen, die vom kollektiven Schweigen am unmittelbarsten betroffen sind: Die Nachkommen der Opfer.“

Kategorie Audio

Der tschechische Preisträger Martin Knitl lässt in seiner Reportage Sudetské děti (Sudetenkinder) Zeitzeugen zu Wort kommen, die im Chaos des Zweiten Weltkriegs in einer Anstalt für behinderte Menschen in Sicherheit gebracht wurden und dort letztlich ihr ganzes Leben verbrachten, obwohl sie gesund waren. Der Autor sei auf ein Thema gestoßen, „dass dem Hörer den Atem raubt“, so Lída Rakušanová in ihrer Laudatio. „Weil er noch nie etwas darüber gehört hat und sich auch gar nicht vorstellen konnte, dass so etwas im realen Leben möglich ist.“

Der deutsche Preis in der Kategorie Audio ging an Hannah Rau und ihre 4-teilige Beitragsreihe 1968 in der DDR, in der die Autorin auch die Wichtigkeit der Ereignisse in Prag für die Oppositionsbewegung in der DDR hervorhebt. „Wesentliche Erkenntnis der Reihe ist, dass der Prager Reformkurs und die Niederschlagung des Prager Frühlings für die ostdeutsche Jugend viel relevanter war, als die westdeutsche Studentenbewegung“, bilanziert Jury-Mitglied Bogna Koreng mit den Worten der Autorin.

Kategorie Multimedia

Der Film Im Dazwischen daheim geht der Frage nach, wie es sich heute im deutsch-tschechischen Grenzgebiet lebt. Die Jury lobte unter anderem die Vielfalt der Protagonisten, die in dem Film porträtiert werden. „Uns war es wichtig, verschiedene Generationen zu zeigen und ihren Blickwinkel auf das Leben in dieser Region auf beiden Seiten“, beschreibt eine der Autorinnen, Marialuise Lenglachner, die Idee für das Projekt der sechs jungen Filmemacher.

Der tschechische Preis in dieser Kategorie ging an Marek Hýža und Tomáš Kusýn für ihren Film Stíny nad Libavou (Schatten über Liebau), in dem sie die von Vertreibungen und Verfall geprägte Geschichte der Region schildern. Jury-Mitglied Michael Hiller lobt in seiner Laudatio die „engagierte und persönliche Herangehensweise“, mit der die Autoren die Bemühungen der heutigen Bewohner der Region zeigen, „das Unrecht der Vergangenheit der Vergessenheit zu entreißen.“

Sonderpreis „Milena Jesenská“

Der Film Todeszug in die Freiheit von Andrea Mocellin und Thomas Muggenthaler erzählt die Geschichte eines KZ-Transports in den letzten Kriegstagen im Frühjahr 1945. Auf der Route quer durch das damalige Protektorat Böhmen und Mähren konnten dank der spontanen Hilfe der tschechischen Bevölkerung rund 1.500 der 4000 Häftlinge des Todestransportes befreit werden. „Den Autoren ist es in bemerkenswerter Weise gelungen, dieses Thema behutsam, verantwortungsvoll, mit Respekt und vor allem mit Empathie zu einem lebendigen Dokument der Menschlichkeit zu gestalten“, hob Libuše Černá in ihrer Laudatio hervor.

Um den Preis hatten sich über 90 Beiträge aus den wichtigsten Medien in beiden Ländern beworben.

Mit dem Deutsch-tschechischen Journalistenpreis wollen die Veranstalter Journalistinnen und Journalisten auszeichnen, die gegen den Trend der schnellen, oberflächlichen Berichterstattung gehen und so zum besseren Verständnis zwischen Deutschen und Tschechen beitragen.

Jury des Deutsch-tschechischen Journalistenpreises 2018:

Jury Text:
Petr Brod (Journalist und Publizist)
Daniel Brössler (Süddeutsche Zeitung)
Adam Černý (Hospodářské noviny, Vorsitzender des Tschechischen Journalistenverbandes)
Anneke Hudalla (Europäische Akademie Berlin)
Karel Hvížďala (Journalist und Autor, Tschechischer Rundfunk u.a.)

Jury Audio:
Libuse Černá (Radio Bremen)
František Černý (Journalist und Diplomat a.D.)
Bogna Koreng (MDR-Studio Bautzen)
Lída Rakušanová (Journalistin und Autorin, Deníky u.a.) 
Christoph Scheffer (Hessischer Rundfunk)

Jury Multimedia:
Vojtěch Berger (Tschechischer Rundfunk)
Michael Hiller (Journalist, Geschäftsführer des DJV Sachsen)
Bará Procházková (Online-Portal ČT24)
Frank Überall (WDR, Vorsitzender des DJV)
Blanka Závitkovská (Tschechisches Fernsehen)

 

Video-Mitschnitt der feierlichen Preisverleihung in Olomouc, 9.11.2018 (Kamera: Ivan Svoboda)
 

foto: Ondřej Staněk

 

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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